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Digital

Innovationsblockade im Top Management

Rolf Höpli, Dozent an der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS).
Bild: FFHS

Um das teilweise enorme Potenzial der Digitalisierung zu erschliessen, müssen Unternehmen einiges mitbringen: Den Mut, neue Ideen auszuprobieren, die Bereitschaft, neue Lösungsansätze anzuwenden und notabene den Willen, in die Informatik zu investieren. Und Leader müssen wissen, was sie tun: Oft scheitern Innovationsvorhaben, weil das Top-Management Wissensdefizite hat.

Viele Firmen tun sich schwer, die Möglichkeiten der Digitalisierung gewinnbringend zu erschliessen. Viele wollen den Schritt in Richtung Digitalisierung machen, scheuen jedoch die erforderlichen Investitionen in die Informatik. Ein typisches Erkennungsmerkmal ist das fehlende Wissen des Top-Managements. Aus Angst vor einem Gesichtsverlust trauen sich die Managerinnen und Manager nicht die richtigen Fragen zu stellen.

Diese Wissensdefizite führen etwa dazu, dass Vorhaben auf die lange Bank geschoben werden oder dass Investitionen in die Informatik zu knapp bemessen sind. Die Angst vor dem Scheitern, starre Prozesse und die fehlende Bereitschaft, den jungen, nachrückenden Kräften Chancen zu gewähren, hemmen den Wandel.

Wie entstehen Wissensdefizite?

Der technologische Wandel bringt stetig neue Technologien und Fachbegriffe hervor. Kaum kennen wir uns in einer Technologie gut aus, so steht bereits die nächste Technologie in den Startlöchern. Wir pendeln in regelmässigen Abständen zwischen den Wissenszuständen «Laie» und «Experte». Wenn man sich nicht regelmässig mit den neusten Technologien beschäftigt, so verliert man rasch die fachliche Eintauchtiefe.

Dieser stetige Strom an Neuigkeiten kann auch zu einer Ermüdung oder Überforderung führen, welche sich darin zeigt, dass man nicht mehr jeden Trend mitmachen möchte. Gefährlich kann es dann werden, wenn man sich nicht mehr aktiv mit den neusten Trends und Technologien auseinandersetzt und dadurch Chancen zur Weiterentwicklung verpasst werden. Ein Beispiel dafür ist die Aussage der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel «Das Internet ist für uns alle Neuland». Ihre Aussage machte sie im Jahr 2013, als das Internet bereits einen grossen Anteil zur Wertschöpfung in Deutschland beigetragen hatte. Unterschiedliche fachliche Bildungsniveaus gehört zu unserem Berufsalltag. Wer das akzeptiert, kann sich auch als Manager eingestehen, dass man nicht auf allen Gebieten Experte sein muss, sich aber zumindest damit auseinandersetzt und weiss, wie man sich fachliche Unterstützung organisiert.

Wie schliesst man Wissensdefizite?

Die Chance für den Manager liegt nun darin, dass es ihm gelingt Menschen zu gewinnen, welche Experten auf einem technologischen Gebiet sind und welche wissen, wie man diese neue Technologie für die Firma so einsetzt, dass ein verbessertes Kundenerlebnis erreicht werden kann. Wie findet man diese Experten?

Meistens muss man nicht lange suchen. In der eigenen Firma hat es vielleicht Mitarbeitende, welche sich mit der neuen Technologie bereits intensiv auseinandergesetzt haben. Wird man in der eigenen Firma nicht fündig, so kann man externe Unterstützung zuziehen, um die Wissensdefizite zu schliessen. Damit sinnvolle Ansatzpunkte für den Einsatz einer Technologie identifiziert werden können, empfiehlt es sich interne Innovationsworkshops zu veranstalten, um Ideen zu generieren und zu bewerten. Es sendet ein positives Signal aus, wenn sich das Management öffnet und bei Innovationsworkshops interessierte Mitarbeitende einlädt.

Ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Einbezug von Mitarbeitenden über alle Hierarchiegrenzen hinweg gemacht. Externe Berater können für die Moderation der Workshops zugezogen werden. Dies ermöglicht eine offene Diskussion und schafft den Rahmen, um das in den Köpfen schlummernde Potenzial abzuholen und erschliessen zu können. Es ist immer wieder erstaunlich, welche genialen Ideen die Mitarbeitenden haben!

Damit Firmen auf den Innovationszug aufspringen können, müssen drei Aspekte beachtet werden:

1. Mindset-Change auf Führungsebene

Im Top-Management vieler Unternehmen herrscht in Bezug auf Innovation Zurückhaltung und Unsicherheit, die das Unternehmen daran hindern, sich zukunftsorientiert zu entwickeln. Zwar setzen sich die meisten Managerinnen und Manager mit dem Thema Innovation auseinander. Doch wenn es darum geht, die nötigen Anpassungen in der Kultur sowie an den Prozessen und Strukturen vorzunehmen, schrecken viele Führungskräfte zurück – einerseits aufgrund mangelnder Erfahrung in komplexen Innovationsprojekten und andererseits aus Angst vor dem Scheitern. Hier muss ein Paradigmenwechsel stattfinden, der vom Management vorangetrieben wird. Innovation muss zur Führungsaufgabe werden, damit sie strategisch und langfristig im Unternehmen verankert werden kann.

2. Unternehmerische Fehlerkultur etablieren

Häufig sind es sich weder die Mitarbeitenden noch die Führungskräfte gewohnt, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem eine Fehlerkultur gelebt und neuen, umwälzenden Ideen der notwendige Platz eingeräumt wird. Doch für Innovationsvorhaben ist genau dies essenziell. Was muss passieren, damit revolutionäre Produkte entstehen können?

  • Ideen sollten auf kreative Art und Weise gesucht, getestet und wieder verworfen werden. Und zwar über alle Hierarchiestufen hinweg. Besonders jüngere Mitarbeitende können mit ihrer Sichtweise frischen Wind bringen.
  • Innovationsprojekte müssen auch scheitern dürfen, damit Verbesserungen vorgenommen werden können und die gesammelten Erkenntnisse beim nächsten Versuch zum Erfolg führen.
  • Rasches Feedback vom Markt und von den Kunden ist zentral, damit Fehleinschätzungen und -investitionen möglichst tief gehalten werden. Dies bedingt allerdings, dass ein Produkt nicht erst dann im Markt getestet wird, wenn es vollständig fehlerfrei entwickelt, sondern sich noch in einer frühen Prototyp-Phase befindet.

3. Modernisieren der IT-Landschaft

Ein elementarer Bestandteil auf dem Weg zu einem innovativen Unternehmen ist neben der Kultur und den Prozessen die Informatik. Viele Firmen sind mit ihrer Informatik auf einem Komplexitäts- und Entwicklungsstand, der die Digitalisierung der Produkte und Dienstleistungen nahezu unmöglich macht.

Allzu oft fehlt das Verständnis, dass grössere Investitionen in bestehende und neue Systeme unvermeidbar sind. In dieser Hinsicht gibt es keine Abkürzung: Unternehmen, die im Zeitalter von Big Data, Virtual Reality und Künstlicher Intelligenz überleben wollen, müssen Investitionen in ihre IT-Strukturen als langfristige Anlage in ihre Wettbewerbsfähigkeit sehen.

Dies schliesst auch ein, dass Experten von aussen hinzugezogen werden, damit die sichere und effiziente Transformation des Unternehmens gewährleistet werden kann. Auch hier muss ein Umdenken stattfinden: Der Einbezug von externen Partnern darf nicht als eigenes Unvermögen, sondern als Chance zum erfolgreichen Wandel gesehen werden.

Nur wenn diese Veränderungen stattfinden, können Firmen das grosse Potenzial, das sich ihnen durch die Digitalisierung eröffnet, erfolgreich nutzen.