chevron_left
Ab Ende Juni 2020 werden in der Schweiz QR-Rechnungen...
chevron_right
Management

«Die Jungen wollen Verantwortung»

Urs Fueglistaller und Tobias Wolf auf dem Schweizer KMU-Tag 2017.
Foto: zVg

Am 26. Oktober fand zum 15. Mal der Schweizer KMU-Tag statt. Gastgeber Tobias Wolf präsentierte dabei die diesjährige KMU-Tag-Studie zum Thema Entscheidungsverhalten. Eine wichtige Erkenntnis daraus: Mitarbeiter werden zunehmend in Entscheidungsprozesse miteinbezogen. Gerade deshalb seien KMU attraktive Arbeitgeber für junge Leute. Denn sie wollen Verantwortung übernehmen, sagt Tobias Wolf.

2017 übergab Urs Fueglistaller Ihnen die Rolle des Gastgebers des Schweizer KMU-Tag. Wie sind Sie in die neue Rolle hineingewachsen? 
Sehr gut. Wir haben ein gut eingespieltes OK-Team, das wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert. Überdies begeistere ich mich seit jeher für die KMU-Welt und bin in allen meinen Rollen in diesem Feld engagiert. Durch das hohe Mass an persönlicher Betroffenheit identifiziere ich mich positiv mit der neuen Rolles.

2012 feiert der KMU-Tag sein 10-jähriges Jubiläum. Wie hat sich die Veranstaltung seither verändert?
Zunächst: Was ist geblieben? Geblieben ist unser Leitgedanke: Nirgendwo sind sich Schweizer KMU näher. Am Freitag nach der OLMA rücken wir für einen Tag die Schweizer KMU ins Zentrum. Inzwischen hat sich das Mengengerüst verändert. Seit 2012 konnte sich der Anlass um knapp 25 Prozent vergrössern. Verändert haben sich teilweise auch die Veranstaltungsformate. Zudem erlaubt uns die digitale Technik, unsere Gäste dank App besser in die Referate einzubinden.

Urs Fueglistaller war jahrelang die prägende Figur. Worin besteht sein Verdienst?
In diesem Zusammenhang ist das gesamte Gründungs- und Organisationskomitee zu erwähnen. Die Vision des Kernteams lebt nach wie vor: Dass wir an einem Tag die KMU-Landschaft Schweiz zusammenbringen und ihnen eine Plattform zur Inspiration und zum Austausch bieten. Unsere tagtägliche Arbeit gilt dem Ziel, die Qualität der Tagung so zu erhöhen, dass sie für KMU einen möglichst hohen Mehrwert stiftet.

Wie kann das gelingen?
Zum einen versuchen wir, die Teilnehmer an der Tagung besser einzubinden und ihrer Stimme mehr Gewicht zu verleihen. Zudem wollen wir über den KMU-Tag hinaus anhand unserer KMU-Tag-Studie sowie durch weitere wissenschaftliche Publikationen Informationen zur Verfügung stellen, die eine Hilfestellung für den KMU-Alltag bieten.

Wie haben Sie das Motto 2018 ausgewählt?
Wir haben mit dem zweiten Nebensatz angefangen: «Was im Alltag wirklich zählt». Wir haben schon viele, vor allem funktionale Themen wie Mitarbeiterführung, Finanzen, Marketing oder Digitalisierung behandelt. Wir haben uns darum gefragt: Was ist unser Learning aus 15 Jahren KMU-Tag? Was ist es, das im Alltag wirklich zählt? So kamen wir auf das Thema Entscheidungsverhalten. Dieses hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Die Märkte wurden dynamischer, komplexer und globalisierter. Diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf das Entscheidungsverhalten des Individuums, gleichzeitig ist das Entscheidungsverhalten ein Differenzierungsfaktor von KMU gegenüber Grossunternehmen.

Dass Entscheidungen schneller getroffen werden?
Einerseits, gleichzeitig geht es darum, dass Führungspersonen in KMU mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen (müssen), weil grundsätzlich weniger Personen zusammenarbeiten und es weniger spezialisierte Funktionsbereiche oder ganze Abteilungen gibt. Viele Entscheidungen werden in KMU von Individuen getroffen, die dafür auch Verantwortung übernehmen. 

Als Angehöriger des KMU-HSG-Instituts sind Sie Mittautor der jährlichen KMU-Tag-Studie. Die Studie untersuchte 2018 das Entscheidungsverhalten von Führungskräften. Was sind die Erkenntnisse der Studie?
Die KMU-Tag-Studie 2018 weist nach, dass Entscheidungen heute immer schneller und vermehrt auch ohne vollständige Informationen getroffen werden müssen. Dadurch wird der Aspekt der Intuition zunehmend wichtiger. Die Rolle und die Einbindung von Mitarbeitenden in Entscheidungsprozessen haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Insgesamt sind die Schweizer KMU zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit der Entscheidungskultur in ihrem Unternehmen. Zu viele Entscheider und Halbherzigkeit sind laut Umfrage die grössten Hemmnisse bei der Entscheidungsfindung. 

Wie sind die Schweizer KMU im internationalen Vergleich aufgestellt? 
Es kommt stark darauf an, welche Aspekte und insbesondere welche Branchen man vergleicht. Vertraut man verschiedenen Rankings, sind die Schweiz und die Schweizer KMU sehr gut aufgestellt. Eine der wichtigsten Ursachen  dafür sind die sehr gut ausgebildeten Fachkräfte. Die Schweiz verfügt über eine hohe politische Stabilität, gleichzeitig aber über ein hohes Kostenniveau und dadurch eine teilweise niedrige Produktivität im Inland. Klar ist: Die Schweiz hat nicht zuletzt aufgrund des hohen Kostenniveaus eine hohe Innovationskraft. Diese wird insbesondere durch die vielen KMU vorangetrieben. Die Gründe hierfür liegen in der effizienten Struktur, der schnellen Entscheidungsfähigkeit und in den gut ausgebildeten Fachkräften. Im Bereich der Digitalisierung haben viele KMU jedoch noch grosses Potenzial.

Was bedeutet die Digitalisierung für die KMU?
Digitale Technologien ermöglichen es, in den bestehenden Geschäftsmodellen Prozesse effizienter zu gestalten. KMU sollten die Digitalisierung als Mehrwert für sich nutzen und sich bewusst mit dem Thema auseinandersetzen, um den aktuellen Ansprüchen des Marktes gerecht zu werden. In der Forschung interessiert uns jedoch insbesondere die digitale Transformation, welche sich wesentlich von der Digitalisierung unterscheidet. Hier geht es um den fortlaufenden, in den digitalen Technologien begründeten Veränderungsprozess, der Branchen und Märkte komplett auf den Kopf stellt und neue Geschäftsmodelle hervorbringt.  KMU sollten sich daher mit den Potenzialen der digitalen Transformation in ihrer Branche beschäftigen und überlegen, welchen Einfluss diese auf ihr Unternehmen hat. Man könnte also salopp sagen: Digitalisierung ist für KMU Pflicht, digitale Transformation ist Kür.

Worin bestehen dabei die Herausforderungen?
Es ist wichtig, dass sich Unternehmen bewusst fragen, welche digitalen Technologien in ihrem Geschäft einen echten Mehrwert stiften –  sowohl innerhalb der Organisation als auch in der Korrespondenz mit ihrem Umfeld. Es geht nicht darum, bei jedem Hype mitzumachen, denn es kann durchaus sinnvoll sein, sich bewusst gegen den Einsatz einer Technologie zu entscheiden. Die Digitalisierung muss nicht bedeuten, dass man Mitarbeiter entlassen muss. Durch den Einsatz digitaler Mittel müssen Teams  wohl anders gebildet und die Zusammenarbeit neu strukturiert werden. Hier lautet die entscheidende Frage: Welche digitalen Technologien wollen wir nutzen und welche passen nicht zu unserem Team im Unternehmen? In diesem Sinn kann ein Entscheid gegen ein bestimmtes technologisches Medium sehr erfolgreich sein. Darum sollte man die Mitarbeiter bei diesen Entscheidungsprozessen einbinden.

Besteht vor diesem Hintergrund Weiterbildungsbedarf?
Sich kontinuierlich weiterzubilden ist inzwischen Pflicht, vor allem wenn man die abnehmende Halbwertszeit des Wissens bedenkt. Know-how und Wissensaufbau sind zentral, um die Überlebens- und Entwicklungsfähigkeit eines Unternehmens sicherzustellen. Es ist ein wichtiges Differenzierungsmerkmal zu Unternehmen ausserhalb der Schweiz, dass wir top ausgebildete Leute haben. Die Frage ist, wie wir es schaffen, diese anzuziehen und zu behalten. Hier sind Weiterbildung, lebenslanges Lernen und Neugierde zentrale Aspekte.

Indem Unternehmen ihren Mitarbeitern Weiterbildungen bezahlen?
Schweizer KMU investieren sehr viel Geld in den Weiterbildungsbereich. Dieser Aspekt trennt für mich die Spreu vom Weizen. Dadurch ziehen gut aufgestellte KMU unternehmerisch denkende und handelnde Personen an und machen sie zu «Mitunternehmern». Aus der diesjährigen KMU-Tag-Studie wissen wir zudem, dass KMU ihren Mitarbeitern viele Entscheidungskompetenzen zugestehen. Das entspricht dem Bedürfnis vieler Mitarbeiter, sie wollen Verantwortung übernehmen. In Kombination mit den Weiterbildungsmöglichkeiten macht das KMU zu sehr attraktiven Arbeitgebern.

Was fasziniert Sie an der KMU-Landschaft Schweiz? 
Mich faszinieren insbesondere Unternehmertum und unternehmerische Persönlichkeiten. Mich interessieren die Menschen in den KMU. Die Struktur und das Grössengerüst der KMU ermöglichen andere Arbeitsweisen als in Grossunternehmen. Darum ziehen KMU, Familienunternehmen und auch Startups andere Persönlichkeitstypen an. 

Was wünschen Sie sich für die Schweiz KMU?
Dass sie ihre Freude und Leidenschaft am Unternehmertum beibehalten. Dass sie weiterhin Mut beweisen, mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben, aber immer die Nase in den Wind halten. Einerseits geht es um die schweizerischen Werte und Eigenschaften, die weiterhin gepflegt werden sollen, gelichzeitig müssen wir die Zukunft mit unternehmerischem Elan gestalten. 

Warum sollte jedes KMU nach St. Gallen kommen?
Weil in St. Gallen der Schweizer KMU Tag stattfindet. Und wie Sie wissen: Nirgendwo sind sich Schweizer KMU näher.